Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Frieren und frieren lassen.

00:00:03: In England streiken die Bergarbeiter, na was ist da weiter?

00:00:08: Da müssen die Engländer ihre Kohlen eben bei uns bezohlen!

00:00:12: Das ist ein altes Gesetz in der Welt.

00:00:15: Deutschland dient andern gerne für Geld.

00:00:18: Was aber jene betrifft... Die Briten sitzen inmitten ihrer Zimmer an einem leeren Kamin, lesen ein liebliches Magazin.

00:00:29: Nachgeben, mit denen da Parlamentieren?

00:00:33: Lieber frieren!

00:00:35: Die Minister aus englischem Pfeifenholz bleiben stolz.

00:00:39: Erst der Staat dann die Wirtschaft dann der Profit.

00:00:44: Wer streikt ist ein Kommunistenbandit.

00:00:47: Auf die Bergherren drücken Kapitulieren?

00:00:51: Lieber friren!

00:00:53: Die Arbeiter hungern Kinder weinen Mutter hat Wasser für die Kleinen Nagt selbst an den Nägeln, schnupft auf.

00:01:02: Wartet geduldig, Monat für Monat bleibt mietisch-schuldig.

00:01:07: Liegt auf der Straße!

00:01:09: Überlegt?

00:01:10: Da!

00:01:11: Polizei kommt angefegt!

00:01:13: Straße frei!

00:01:15: Überlegung vorbei!

00:01:17: Niet damit der Streitbrecherei!

00:01:19: Nachgeben?

00:01:21: Zehn Stunden am Tag!

00:01:23: Dessertieren?

00:01:25: Lieber hungern und frieren... So geht das seit einem halben Jahr.

00:01:30: Jetzt wird es kalt, Dezember, Januar und wenn dabei Tausende zugrunde gehen – Das ist Ordnung!

00:01:38: Das muss bestehen.

00:01:40: Licht im Ofen und Licht in Kamin kann nur scheinen, Wenn welche verdienen.

00:01:46: Wärme in Stube und Wärmen im Saal Nur mit Prozent fürs Kapital.

00:01:53: Oben behaglich durch wärmte Zimmer, oben blitzender Lampenschimmer Toaströster Heißluftondulieren und Frieren.

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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