Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: An meinen Sohn!

00:00:02: Wenn du mal groß bist, Leopold, dann sieh dich um in Deutschland Preußen.

00:00:08: Wo eure Flagge schwarz-rot-gold im Wind weht.

00:00:12: über lauter Preußen stelle dich auf einen Aussichtsstand und vor dir liegt dein Vaterland.

00:00:19: Ganz oben tront die Schicht mit Geld Die hat die Kohlen Stahl und Rüben, die lenkt den Lauf der deutschen Welt.

00:00:29: Die lässt die Reichswehr kräftig üben – Augen grad aus!

00:00:34: Gehorsam harret ihres Winx das Chor der Rachhe in Talaren, die Segenen rechts und Wüten links.

00:00:44: So lernten sie es auf Seminaren im Namen des Volkes.

00:00:50: Da schwetzt der Reichstag

00:00:52: Liebe!".

00:00:53: Gott, hörst du den alten Breitscheid reden?

00:00:56: Er ist von Ironie und Spott.

00:00:59: Zum Schluss bewilligen sie dann jeden Etat!

00:01:04: Und unter all'den Gewalten da kannst Du Leopold mein Sohn Dein Leben lang die Schnauze halten Von wegen Subordination.

00:01:14: Aber lauter Republikaner, lauter Republicana Und willst du wissen wem Das verdankst, dies Reich von kleinen Strebern.

00:01:26: Dann wein dir nicht die Eugel ein nass!

00:01:29: Dann wandle du zu deutschen Gräbern auf jedem einen Gedenkstein!

00:01:34: Da liegen die zu meiner Zeit aus Angst vorm Volk.

00:01:38: Die eigenen Ziele verriet'n taktisch so gescheit und klug Und überhaupt schlehmile.

00:01:46: Sie machten schon im Umsturz schlapp Und saßen ängstlich auf der Banke, Charakter war bei denen knapp.

00:01:55: Leg einen Kranz auf jedes Grab und dann sag leise, leise Danke!

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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