Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Kleine Dienstreise.

00:00:02: In Frankfurt haben sie eine Brücken geschlagen, über den Mainer rüber tut sie nun mehr Ragen und um sie einzubeihen haben die Frankfurter eine große Feier arrangiert mit Böllergeleute und Festzug und Appleboy und gedichteter Sangesleiher.

00:00:19: gut!

00:00:20: Dazu haben sie auch den diensttuhlenden Rechtspräsidenten eingeladen.

00:00:25: Bei dem steht aber die Stadt Frankfurt nicht recht in Gnaden, und so ist er auch zu meinen Brückenfeiern nicht gekommen!

00:00:32: Denn er hat, glaube ich, den Frankfurtern übel genommen, dass Sie pfui Deuble-Demokraten seien – und darauf sagte er nein!

00:00:43: Gut….

00:00:45: Die Frankfurter haben sich den Schmerz von der Nase gewischt und machten sich aus der präsidentlichen Abwesenheit weiter nicht.

00:00:54: Wo aber, das fragen wir uns, war der hohe Gast, der fast in eine republikanische Demokraten statt hineinzufallen, in die schmerzliche Lage gekommen wäre?

00:01:08: In Berlin?

00:01:09: Nein, in Köln?

00:01:10: Nein.

00:01:10: In Königsberg?

00:01:11: Nein!

00:01:12: Vielmehrere, weil man ihn dorthin zu einer Familienfeier loot – in Stolp hinter Pommern….

00:01:20: Gut.

00:01:21: Ja da geht's noch zu wie in einem altdeutschen Napfkuchen.

00:01:29: Da kann man sich die Republikaner mit der Reichswehr Laterne suchen da kommen noch abends die Honoration zusammen, sitzen breit ehrig dar und tun die verfluchte Judenrepublik verdamm'n.

00:01:44: Da isst noch deutsche Ordnung Zucht, Zitte und Gottesfurcht in schönem Quartett – und kein Wasserkloset!

00:01:52: Dort selbst weite unser Öppester ein Stadion ein,

00:01:58: stolp!".

00:01:59: Hinterpommern scheint wichtiger als seine Brücke über den Main, die Nord und Süd verbindet eine schöne Allegorie aus Granit.

00:02:10: Jeder wohin es ihn zieht!

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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