Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

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00:00:00: Kleine Station.

00:00:02: Menau, rufen die Schaffner!

00:00:04: Menau mit dem Ton auf der letzten Silbe.

00:00:08: Wir sehen hinaus.

00:00:10: Da rauschen ein paar Bäume.

00:00:12: Der Stationsvorsteher hat sich Sonnenblumen gezogen Die aus der Zeit herrühren wo er noch nicht Fahrdienstleiter hieß.

00:00:20: Da steht Männer dran und da Frauen Und für die Zwitter ist auch noch eine Güterschuppe da Die Lokomotive atmet.

00:00:28: Niemand steigt aus Niemand steigt ein, aber hier ist Aufenthalt.

00:00:33: Von Menau isst nichts zu sehen!

00:00:36: Das liegt wohl hinter den Bäumen?

00:00:38: Doch... Hier ist ein kleines Stückchen Straße, wenn nicht alles täuscht die Bahnhofstraße maßlos hässlich.

00:00:45: Hoffen wir dass es da hinten hübscher aussieht.

00:00:48: Sicherlich tut das das.

00:00:50: Da steht ein Schillerdenkmal, Eins von Dunemals und eins von heute, eins mit einer Zucker-Junkfrau.

00:01:02: Und eins mit einem Stahlhelmmann!

00:01:04: Eine Kaiser Wilhelmstraße ist da und die lange Chorsee trägt den Namen der nächsten großen Stadt.

00:01:10: Die Kirche ist aus romanischem Stil und das Postamt aus Backsteinen.

00:01:15: Einer ist der reichste Mann von Menau, einer muss doch der Reichste sein.

00:01:21: Er ist viel in der Stadt und weilt nicht oft im Orte.

00:01:24: wie das Blättchen schreibt.

00:01:26: Am Standtisch sorgen der Amtsrichter, der auch Gottchenreferendar, der Apotheker und der Postinspektor für die Aufrechterhaltung der Republik wie sie sich auffassen.

00:01:37: Manchmal darf da auch der Redakteur sein Bier trinken.

00:01:40: Wenn Markt ist, schwitzen dicke Bauern gesäße in der Kneipe – alles ist voll dunst und rauch und geschrei!

00:01:49: Der Lehrer hat ein bisschen die Tuberkulose Aber das macht nichts, im Sommer fällt ohnehin der Unterricht so oft aus wie der Gutsbesitzer die Kinder zur Feldarbeit braucht.

00:01:59: Es ist ein Arzt da, der viele Kinder hat?

00:02:02: Merkwürdig!

00:02:04: Am Marktplatz wohnt voll ein Grippenberg – sie spielt Klavier.

00:02:08: Wenn nachts der Mond geschehen hat sinkt sie am nächsten Tage.

00:02:12: Die Hunde haben das nicht gern.

00:02:14: Ein Polizeibüro ist da, worin es grob und säuerlich riecht.

00:02:19: Der amtierende Polizist hat hervorstehende Augenbrauen, fast kleine Buschen.

00:02:24: Er war aktiver Wachtmeister.

00:02:26: Seine Einjährigen hatten nichts zu lachen – aber er hatte was!

00:02:30: Wo die Liebespäre wohl hingehen?

00:02:32: Wahrscheinlich in die Felder... Die Gemeinde zählt eintausend zweihundertfünfundvierzig Seelen….

00:02:38: Da heißt es fleißig sein, der Kaiser braucht Soldaten!

00:02:42: Ach nein, ja

00:02:43: doch!...

00:02:44: Telefonieren kann man beim Doktor, sonst im Gasthaus aber da ist das Telefon kaputt.

00:02:49: Auf einem brachliegenden Felde in der Gemarkung grömisch Acht des Kätners Römmelhagen steht ein Runenstein.

00:02:56: Schad nichts!

00:02:57: Lass ihn stehen!

00:02:59: Mächte man hier leben?

00:03:01: Oft dich haben sie nicht gewartet... Sie haben ihre Schicksale, sterben, saufen, handeln.

00:03:06: Lassen Grundstückseintragungen vornehmen, prügeln Ihre Kinder, stecken der Großmama Kuchenkrömel in den Mund und verzweifeln höchst selten an der Welt!

00:03:17: Genau!

00:03:18: Ja, und dann fahren wir wieder...

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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