Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Zwei Seelen!

00:00:02: Ich, Herr Tiger bestehe zu meinem Heil aus einem Oberteil und einem Unterteil.

00:00:11: Das Oberteil fühlt seine bescheidene Kleinheit, ihm ist nur wohl in völliger Reinheit.

00:00:19: Es ist tapfer, wahr anständig Und bis ihn seine tiefsten Tiefen klar und gesund.

00:00:29: Das Oberteil ist auch durchaus befugt, Ratschläge zu erteilen und die Verbrechen von anderen Oberteilen zu geißeln.

00:00:38: Es darf sich über die Menschen lustig machen – und wenn andere den Naseninhalt hochziehen, darf es lachen!

00:00:46: Soweit das aber tunerkeil dass Unterteil feige unentschlossen Heuchlerisch, wollenlustig und verlogen.

00:01:00: Zu dem pinstersten Freudem des Fleisches fühlt es sich hingezogen.

00:01:06: Dabei dumpf, kalt, zwergig ein gräuliches pessimistisches Ding etwas ganz und gar abscheulich ist!

00:01:17: Nun wäre aber auch einer denkbar sehr bemerkenswert der umge... kehrt, der in seinen Unternteilen nichts zu scheuen hätte.

00:01:28: Keinen seiner diesbezüglichen Schritte zu bereuern hätte!

00:01:32: Ein sauberes Triebwesen, ein ganzer Mann und bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund.

00:01:40: Und es wäre zu denken, dass er an gleichem Skelette eine Seele mit Maug-Bähne

00:01:48: hätte.".

00:01:49: Was er nur andenkt, wird faulig verschmiert.

00:01:54: Sein Verstand läuft nie offen sondern stets maskiert.

00:01:58: Sogar wenn er lügt, lüht er!

00:02:02: Glaubt sich nichts, redet sich's aber ein und ist oben herum.

00:02:07: überhaupt ein Schwein.

00:02:09: Vor solchen Menschen müssen ja alle die ihn begucken vor Ekel mitten in die nächste Gossisch

00:02:15: spucken.".

00:02:16: Da strich auch ich mein doppelkollriges Kinn und betete ergriffen, Ich danke dir Gott, dass ich bin wie ich bin.

00:02:27: Was aber Menschen aus einem Gusser betrifft in der schönsten der Welten?

00:02:33: Der Fall ist äußerst selten!

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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