Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Vier Sommerplätze.

00:00:02: Von der Normandie habe ich schon erzählt.

00:00:04: Das ist ein heiteres grünes Land mit kleinen Bades, Strändchen und großen montänen Plätzen um die bequeme Wege herumführen.

00:00:13: Bevölkert wird dasselbe von eingeborenen und einigen Fremden, die Französisch sprechen.

00:00:19: Die Landesprache ist Englisch.

00:00:21: Kleiner Mittelstand, der über die Schienenstränge schlägt Ist bekanntlich das Schauerliste was es gibt.

00:00:28: Nichts Unrecht sind die Franzosen, manchen Reiseamerikanern und Valuta Engländern gegenüber gereizt.

00:00:35: Die affenartige Wiederholung einiger Inflationssymptome zeigt auf's Neue was es mit dem Nationalstolz auf sich hat.

00:00:43: Romantik von gestern vorgehängt fürs Geschäft von heute.

00:00:48: Wenn zum Beispiel kleine Ausschreitungen gegen Fremde vorkommen dann sagt auch nicht Einblatt dies ist blödsinnig sondern jedes sagt Es schadet unseren

00:00:58: Handelsbeziehungen.".

00:01:00: Das haben wir alle schon einmal gehört.

00:01:02: Im übrigen Weiß vom normalen Bauern keiner was, der nicht bei seinen Erbteilungen, Hypothekenaufnahmen und Grundstücksauflassungen dabei gewesen ist – die Originalität von Sitten- und Gebräuchen liegt hauptsächlich da!

00:01:17: Der Stamm des Spittelmarkt Indianer macht keine Ausnahme….

00:01:21: Der Übergang von der Normandie nach Garmisch war etwas schroff... Wir sind vor Jahren die Ersten gewesen, die den Ruf Reisende meidet Bayern ausgestoßen haben.

00:01:31: Damals als es sehr nötig gewesen ist – etwas geholfen hat er!

00:01:37: Und auch heute noch lockte es mich nicht in das Land von dem der Urzaupräusische Friderikos in seiner echtkernisch-deutschen Sprechweise gesagt Aber ich war gewiss nicht zu meinem Vergnügen.

00:01:53: engarmisch, das muss auch schwer sein.

00:01:56: Auf den Wegen stapfen unwirsche Norddeutsche Sachsen als Diroler verkleidet und so lange sie nicht in Mund auftun ist die Täuschung vollkommen – dann hält man sie für Berliner!

00:02:08: Die Männer sehen alle vieräckig aus.

00:02:11: auf dem Hals tragen Sie eine kleine Tonne, daran ist Form das Gesicht befestigt.

00:02:16: Morgens setzen Sie es auf… Und was für eines?

00:02:20: Die Frauen schlafen daher, alles baumelt an ihnen auch die Seele.

00:02:26: Ich war seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland.

00:02:30: In der Heimat kann ich nicht sagen weil es sich ja um Bayern handelt.

00:02:33: Wir würden uns das beide verbieten.

00:02:36: Das erste was auffällt ist Ganz Deutschland besteht aus Augen Große Teller-Augen, blanke Glasscheibchen Trübe Wasserflecke.

00:02:45: Sie starren dich an.

00:02:47: Alle sehen alle an ganz genau.

00:02:50: Sie mustern, machen Inventur, prüfen, überprüfen, riechen mit den Augen.

00:02:56: Auch machen sie eine unähnliche Wirtschaft aus allem – sich und den anderen das Leben schwer!

00:03:03: Und das Reisen zu einer Dienstpflicht der sie mit zusammengepressten Lippen- und angestrengtem Gesichtsausdruck

00:03:11: obliegen.".

00:03:12: Noch nie habe ich auf einer französischen Bahn einen solchen Trubel um nichts erlebt, wo einer sitzt, ob das Fenster auf oder zu ist und wieder Handkoffer liegt.

00:03:22: Und was es da alles gibt?

00:03:24: Es sind typische deutsche Probleme!

00:03:27: Anderswo gibt es sie gar nicht – oder Sie sind keine – muss dass Dasein hier Kräfte kosten.

00:03:34: Kostet es auch... Die Luft ist geladen mit Spannung….

00:03:38: Man empfindet das nie so stark, wie wenn man von draußen kommt, wo das Leben keineswegs paradiesischer aber geölter dahin läuft.

00:03:46: Auch da, wo es stockt!

00:03:47: Ein französisches Verkehrshindernis erfordert von den beteiligten weniger Nervenkraft als der deutsche glatt abgewickelte Verkehr.

00:03:56: Alle sind gestraft, ihrer Zuständigkeitsrechte sich durchaus bewusst scharf abgegrenzt gegen den lieben

00:04:04: Fernsten.".

00:04:05: Einmal bin ich durch eine Gruppe sprechender auf einem Korridor mit einem leise gemohnten Gebet hindurchgegangen, Ich durchschnitt'eine pappendeckefeste Atmosphäre von übel Wollen und Offensiv-Geist.

00:04:20: Stramm, stramm!

00:04:22: Dabei ist äußerlich alles praktischer aber auch beinah alles hübscher als in Frankreich Konditoreien Hotels Straßen Häuschen Zigarren düten.

00:04:32: Und dennoch Leider haben sie auch eine Bar, wo Prokuristen und Zahnärzte so auszusehen sich bemühen wie es in ihren Dienstvorschriften den illustrierten Zeitungen vorgeschrieben steht.

00:04:45: Inferno!

00:04:47: Mit heißen rotem Köpfen drehten sich prustende Klumpen in einem bonbon gelben Licht zu den Klängen eines sykupierten Parademarschs.

00:04:57: Einer trank einer Flasche Sekt.

00:05:01: Klassenbewusste Lebensbejahrung, wohlverdientes Ferienglück, Distanzierung gegen die da unten.

00:05:09: Ein guter Popo ist ein sanftes Ruhekissen.

00:05:13: Auch schwebten wir die Zugseilbahn hinauf – ich passte auf das Fritzi Massari nicht herausfiel und dass mir nicht übel wurde!

00:05:22: Die befolene Aufgabe wurde voll

00:05:24: erfüllt.".

00:05:25: Die Zugspitzbahn ist ein triumpfmenschlichen Erfindergeist, das ein wunderstückdeutscher Technik.

00:05:33: die Überwindung der Elementargewalten durch die Kraft der Beharlichkeit und etwas völlig Blödsinniges.

00:05:40: Wenn ich Zugspitze wäre, man müsste sich ja zu Todes schämen.

00:05:44: Sieht man von den Skileuten ab, die sich mit die Bretteln im Winter da heraufziehen lassen können um herrlich wieder herunterzutal zu fahren?

00:05:53: Der Berg ist gar kein Berg mehr.

00:05:56: Entzaubert, von seinem Thron hier her runtergeholt eine Plattitüde von dreitausend Metern.

00:06:03: Oben stehen die Leute und wissen nicht genau was sie da sollen.

00:06:07: Manche lassen sich anseilen um bis zum noch unasfaltierten Gipfel zu steigen.

00:06:13: Grinsend zog an uns ein bayerischer Führer vorbei.

00:06:16: Seine Opfer, das Seil über den Sommer überziehren, zog er hinter sich her.

00:06:21: Ihre Augen sagten ihr Lümmels in der Etappe!

00:06:25: Ein Grammophon mit Schinkensämmeln zeigte an bis zu welchen Gebirgshöhen heute die menschliche Zivilisation vordringen kann.

00:06:35: Polgar, damit mir heraufgeschwebt war, suchte eine Ansichtskarte, die er an Hans Müller schicken könnte.

00:06:41: dann schwebten wir wieder herunter.

00:06:44: Von dem nun folgenden Fexplatta oberhalb Silzmarias kann ich diesbezügliche Aussagen nicht machen.

00:06:51: Mein dort ansässiger Brother, Siegfried Jacobson, schloss mich bei meiner Ankunft gerührt in seine bärtigen Arme, wies mir kurz das Niedsche Haus drohte mit Ludwig Fulda der darin sein Wesentrieb und bedeutete mir streng.

00:07:09: Und dann ist hier noch viel Natur, setz dich hin und arbeite.

00:07:12: Darauf sperrte er mich in einen hängenden Stall, den er als Balkon ausgab, legte mir einen Bandreichsgerichtsunterscheidungen unter dem wackelnden Stuhl weiße Rückseiten alter Korrektur fahnen auf den Tisch und schloss ab.

00:07:28: Zu den Mahlzeiten wurde ich ein Stündchen herausgelassen.

00:07:31: Das Fextal soll eine sehr schöne Landschaftlichkeit besitzen.

00:07:36: Dann fuhr' ich nach Hause.

00:07:38: Unterwegs stießen raues Schweizer Kehlen noch manchmal einen alten schweizerischen Schlachtruf.

00:07:45: Pass hoch!

00:07:46: Aus, was ich für den Anfang eines Landsknechtsliedes hielt – es ist aber ein Mineralwasser.

00:07:52: Ich kaufte auf einer Station ein Lokalwitzblatt oder wachte in Tränen gebadet.

00:07:58: In Basel umgurgelten mich zum letzten Mal die Kehllaute des Saalmädchen.

00:08:04: Und ab frühmorgen, als auf dem Gardin Nord jemand neben mir sagte, Na nun mal Rennensfeinien!

00:08:11: Da hatte Paris mich wieder.

00:08:14: Jetzt sitze ich in der Bretagne und lerne Englisch um

00:08:17: durchzukommen.".

00:08:19: Zum Abschied in Bayern hatte ich Pallenberg gebeten, mir etwas Französisch aus seiner reichassortierten Sprechkiste zu holen.

00:08:26: Er tat es sofort und erklärte mit aufgeweichten Konsonanten, er sei ein armes Milchen das man im Krieg in einer Bayerischen Kupplerei beschäftigt!

00:08:36: Man brauchte übrigens in der Britannie kein Französisches – doch man braucht's wenn man die kleinen windstillen Ecken aufsucht….

00:08:44: Nun senkten sich langsam die Eindrücke der Reise nieder, wie weit flügelige Vögel nach einem langen Flug fallen.

00:08:52: sie sacht aus der Luft.

00:08:54: In Carpère lag im Stadtfluss ein toter Hund, starre wie ein zackiger Baumstamm!

00:09:00: Der Speisewagen von Kuhr nach Basel hatte mattfarbene Ornamente wie vom vorjährigen Picasso.

00:09:06: Bayerische Beamte sind manchmal höflich – kein hübsches Mädchen diesmal neidisch vorbeiziehen gesehen.

00:09:14: Es gibt einen gewissen norddeutschen Frauentypus, der nur mit Prügel zu regalieren ist.

00:09:19: Diese Frauenzimmer fühlen sich an wie gegen den Strich gebürstete Zylinderhütte.

00:09:25: Man möchte sein ganzes Leben lang allein sein!

00:09:29: In der Schaukel der Zugspitzbahn stand ein einarmiger famoser österreichischer Offizier – man möchte nicht mehr allein sein.

00:09:38: Aus der Luft kommt noch ein Vogelmatt herabgefallen.

00:09:42: Man möchte doch allein sein.

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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