Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Drei Biografien.

00:00:02: Sie sind der ungeborene Peter Panther, sagte der liebe Gott und strich seinen weislichen Bart, der stellenweise etwas angeraucht war.

00:00:13: Ich schwamm als helle Flocke in meinem Reagenzgläschen und hüpfte bejahend auf- und nieder.

00:00:21: Für sie gibt es drei Möglichkeiten, sagte der himmlische Vater und zerdrückte in unendlicher Güte eine Wandze die ihm über das Handgelenk lief.

00:00:30: Drei Möglichkeiten!

00:00:32: Wollen Sie bitte überprüfen und mir dann mitteilen welche Wahl Sie getroffen haben?

00:00:38: Es liegt uns viel daran bei dem herrschenden Streit zwischen Deterministen und Indeterministen erst mit keiner von beiden Parteien zu

00:00:47: verderben.".

00:00:48: Suchen Sie hier oben aus, was sie einmal werden wollen.

00:00:52: Unten können Sie nachher nichts dafür!

00:00:54: Bitte!".

00:00:55: Der alte Mann hielt mir einen großen Pappdeckel vor das Gläschen auf dem Stand zu lesen.

00:01:01: Römisch I Peter Panther Erste Verarbeitung.

00:01:06: Geboren am fünftzehnten April, eighteenhundertneun und achtzig als so ein Armer aber gut desinfizierter Eltern zu Stettin auf der Las stadie.

00:01:15: Vater Quartalsäufer Das Jahr hat fünf Quartale.

00:01:19: Mutter, Abonnentin des Berliner Lokalanzeigers.

00:01:22: Studiert das Tierarzneiwesen in Hannover und wird die abprobierten Kammerjäger in Halle.

00:01:30: Zwei Frauen.

00:01:31: Anne-Marie Prellwitz Edel Schneckenfrisur in Flanell.

00:01:40: Sorgfettig, korrekt von großem Gebeerfleiß in Ballon Leinen, fromm und zwanzig bis neunzehnt hundert siebenund dreißig.

00:01:49: Vier Söhne danach Anschaffung eines deutschen Perserteppichs.

00:01:59: Bar kommt heil davon, Peh wird katholisch.

00:02:03: Wird im Juni, in der Föhton-Redaktion der neuen Freien Presse angesammelt haben zu vertilgen?

00:02:14: Da die Operation selbstverständlich misslinkt, wird Kammerjäger Peh trübschenig.

00:02:19: Hört in dieser Geistesverfassung am zwanzigsten April, in den Kaiserling Vortrag Tot, einundzwanzigster Apel!

00:02:29: Panther geht mit den Tröstungen der katholischen Kirche versehen dahin, nachdem er kurz zuvor mit großem Appetit ein Matzegericht verzerrt hat.

00:02:38: Beerdigungswetter – leicht bewölkt!

00:02:41: Mit schwachen südöstlichen Winden.

00:02:42: Grabstein entwurf Paul Westheim, Einhundertmark und dreißig Preis des Marmots.

00:02:50: Einhundert Mark stets in ehrengehaltenes Andenken acht Monate.

00:02:56: Nun sagte der liebe Gott Mh, sagte ich.

00:03:00: Und las weiter!

00:03:02: Rymisch II Peter Panther Zweite Verarbeitung.

00:03:07: Geboren am achten Mai, eighteenhundertneinundneunzig als ältester Sohn des Oberregierungsrats.

00:03:12: Panther sowie seiner Ehefrau Gertroth geborener Hause.

00:03:16: Das früh geweckte Kind hört schon als Knabe auf dem linken Ohr so schwer, dass es für eine Justizkarriere geradezu prädestiniert erscheint.

00:03:26: Tritt in das Chor ein, indem ein gewisser Niedener Alter er ist – der liebe Gott behakenkreuzigte sich!

00:03:34: Ich las weiter und bringt es bald zu den verlangten Korrektflapsigen benehmen, das in diesen Kreisen üblich ist.

00:03:44: Kriegsassessor, geradezu Kaisers Geburtstag, schwört demselben ewige Treue.

00:03:50: In den letzten Jahren hat der Staatskommissar Jardt für öffentliche Ordnung Hilfsbeamter.

00:03:56: Der Staatsk commissar Weißmann sitzt aus altbräusischer Schlichtheit in keinem Fotoi sondern auf einer Bank und hält dieselbe Tag und Nacht.

00:04:05: Landgerichtsrat Panther leistet der Republik die größten Dienste sowie auch ihrem Präsidenten.

00:04:12: Schwört demselben ewige Treue, beteiligt sich neunzehntundertzwanzig am Kapputsch, berät Kap in juristischen Fragen und schwört dem selben ewigen Treuen.

00:04:24: Durch das häufige Schwören wird man auf den befähigten Juristen aufmerksam und will ihn als obersten Justizier in die Reichswehr versetzen!

00:04:33: Inzwischen wird Rathenau ermordet, weshalb die Republik einen Staatsgerichtshof über sich verhängt, wo ohne ansehend der Sache verhandelt wird.

00:04:44: Dort selbsthin als Richter versetzt, verstaucht er sich im Jahre fourundzwanzig beim Unterschreiben von Zuchthausurteilen gegen Kommunisten den Arm!

00:04:55: Eine Beerdigung entfällt, da ein deutscher Richter unabsetzbar ist und auch nach seinem Tode noch sehr wohl den Pflicht in seines Amtes nachkommen kann.

00:05:06: Wie kann man so tief sinken?

00:05:09: sagte der liebe Gott, weil ich inzwischen auf dem Boden des Reagenzgefäßes gekrochen war.

00:05:15: Ich wackelte mit dem Schwänzchen.

00:05:17: Der liebe Gott erriet richtig Nein!

00:05:20: Bedavid sternte sich Und gab mir Römisch III zu lesen.

00:05:25: Peter Panther, dritte Verarbeitung.

00:05:29: Geboren am neunten Januar eighteenhundertneinzig zu Berlin mit ungeheuer Nasenlöchern.

00:05:34: Seine Tante Bertha umsteht seine Wiege und hat es gleich gesagt.

00:05:40: Gerät nach kurzen Versuchen ein anständiger Mensch zu werden in die Schlingen des Herausgebers SJ der ihn zum manigfaltigen Arbeiten verwendet.

00:05:49: er darf zu Beginn der Bekanntschaft Artikel und Gedichte schreiben bringt es aber schon nach fünfzehn Jahren zum selbstständigen Briefe Frankieren und anderen wichtigen Büroarbeiten.

00:06:02: Nimmt nacheinander die Pseudonyme Max Jungnickel, Agnes Günther, Waldemar Bonsels und Fritz von Unruh an?

00:06:10: Kann aber niemand darüber hinwegtäuschen dass hinter diesem Namen nur ein einziger Verfasser steht!

00:06:16: wird von Professor Liebermann in Öl gestochen und schenkt ihm als Gegenangebinde einen echten Paul-Clay, den Lieberman jedoch nicht frisst.

00:06:26: Panther stirbt, als er alles weiß – und nichts mehr kann!

00:06:31: Denn so kann man nicht

00:06:32: leben.".

00:06:46: Kammerjäger bei der Weltbühne beeilen sie sich, sagte Gottvater streng.

00:06:52: Ich habe nicht viel Zeit!

00:06:54: Um zehn Uhr präsidiere ich drei Feldgottesdiensten – einen polnischen gegen die deutschen, einem deutschen gegen die Polen und einem italienischen gegen alle anderen.

00:07:05: Da muss ich beim meinen Völkern sein.

00:07:07: Also wählen

00:07:09: Sie!".

00:07:10: Und da habe ich dann gewählt….

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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