Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Wrobel - Der Tucholsky-Podcast

Transkript

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00:00:00: Herr Wendriner in Paris.

00:00:03: Moin, welch!

00:00:04: Na wie geht's?

00:00:05: Ja wir sind wieder zurück.

00:00:07: Soet vor gestern.

00:00:08: Kommt rein.

00:00:09: Nur er ist dann der Revierer und dennoch einen kleinen Abstecher nach Paris.

00:00:14: Wie es war... Gott wissen sie.

00:00:16: Wissen Sie, Paris is nicht.

00:00:19: Manches ist ja schon fabelhaft.

00:00:22: Nehmen Sie mich hier alle?

00:00:24: Also wie wir ankommen rennets in Ström.

00:00:27: Ich denke schon faul.

00:00:29: Richtig!

00:00:30: Erst mussten wir zehn Minuten aufs Auto warten, der Kerl verstand erst nicht und dann ging's.

00:00:36: Ich hatte mein Zimmer reservieren lassen, krank Hotel, das ist ordentlich.

00:00:40: Na und am nächsten Morgen sind wir da los?

00:00:42: Da hab ich meiner Frau mal Paris gezeigt.

00:00:45: Nee, ich war vorher noch nicht da... Na also, die Bulle war's?

00:00:49: Ein fahrbellhafter Autoverkehr.

00:00:52: Na oder hört das stehen die Autos man immer so in sechs acht rein.

00:00:57: Das ist schon imponiert.

00:00:58: und fahren tun die Kerls.

00:01:00: Man denkt immer sie werden ein überfahren Oder man wird umkippen kippt.

00:01:05: aber keiner Regierer war übrigens auch in Paris.

00:01:08: Wir trafen den auf der Plas an der Oper.

00:01:11: Mir war das sehr angenehmer, hatte die letzten Kurse aus Berlin telegraphisch bekommen.

00:01:16: Man hört doch immer gern von zu Hause!

00:01:19: Sie hören sich, schmeißen sie mir die Asche nicht auf dem Teppich.

00:01:23: Meine Frau kann es sich leiden hier an den Aschenbecher.

00:01:26: Nur meine Frau hat eingekauft, nicht zu halten... Wissen Sie, so billig ist Paris nur auch nicht.

00:01:34: Ich habe hier unter anderem Jackenkleid gekauft und zwei Kleiler ein großes Abendkleid.

00:01:39: dann was für einen Strand.

00:01:40: wenn Gott will wird sie das in Heringstorff tragen.

00:01:44: dafür habe ich bezahlt zusammen im ganzen also dreitausend fünfhundertfünfzig franc.

00:01:49: Das macht, warten Sie mal, das waren damals circa fünfhundzehn Mark.

00:01:54: Dafür hat es in Berlin auch Aber sehr schick.

00:01:57: Eine sehr schicke Verkäuferin hat uns bedient, gegessen haben wir natürlich bei Priyay.

00:02:04: Haben Sie mal bei Priyyay jessen?

00:02:05: Nein?

00:02:06: Na farbelhaft!

00:02:08: Sehr elegantes Publikum Engländer, Großamerikaner offenbar auch viel Diplomatie bei Siro... Nein, da war ich nicht.

00:02:17: Das soll ja nicht so gut sein!

00:02:19: Im Allgemeinen finde ich die Portionen ein bisschen klein.

00:02:22: Die Ordeurs sind ja fantastisch Aber die Portionen sind doch ein bisschen Klein.

00:02:27: Ein Freund von dem Bruder meiner Frau, der hat einen Fetter Der lebt in Paris.

00:02:32: Er hat uns in einem Lokal mitgenommen.

00:02:34: Da kommen sie uns fremden nie hin.

00:02:36: Das war echt pariserisch.

00:02:38: Na und dann waren wir im Louvre.

00:02:41: Sehr interessant.

00:02:42: Waren Sie auch im Louver?

00:02:44: Ja, das muss man ja.

00:02:45: Na und dann sind wir noch so rumgebummelt!

00:02:47: Abends waren wir in der Revue bei der Mr.

00:02:50: Gett... Haben Sie den Mr.

00:02:51: Gett mal gesehen?

00:02:53: Ach so, haben sie hier sehen!

00:02:54: Naja die ist ja nicht so toll.

00:02:57: Die Revue war ja fabelhaft.

00:02:59: Aber dann haben wir in einem kleinen Theater da eine Person gesehen.

00:03:03: Ich weiß nicht mehr wie sie heißt Ich komme nicht auf einen Namen Die werden sie nicht kennen.

00:03:07: Na die war fabelhaft Das habe ich noch nie gesehen.

00:03:12: Die lichtere Klambe fand ich auch nicht so aufregend.

00:03:15: Ich meine das haben wir auch in Berlin.

00:03:17: Dann waren wir abends auf Mon Machtag.

00:03:20: Kennst du das?

00:03:21: Ach, Sie kennen das?

00:03:22: Ja ich war auch nicht so begeistert.

00:03:24: Apatschen sieht man gar nicht!

00:03:26: Aber dann waren wir im Perroquet.

00:03:28: Kennen sie das?

00:03:29: Das kennen sie

00:03:30: nicht?!

00:03:30: Was?

00:03:31: Sie kennen Perroquetsch?

00:03:33: Na das ist fabelhaft... Wir haben bezahlt, waren sie mal Sekt natürlich alles in allem, dreieinundzwanzig Frauen und das sind ... Das waren damals viertemunvierzig Mark Im Café de Paris?

00:03:45: So?

00:03:46: Waren sie da?

00:03:47: Ich war da nicht, das soll ja nichts sein.

00:03:49: Dann haben wir Freundes getroffen!

00:03:51: Wir hatten gerade Strümpfe für meine Frau gekauft und wie wir noch so vor dem Laden stehen und umrechnen – wer steht da?

00:03:57: Freund mit Frau….

00:03:59: ich mag ihn ja

00:04:00: nicht.".

00:04:01: Hat er übrigens den Kreditor Stuttgart bekommen?

00:04:04: Sieh, ich will ihm was sagen.

00:04:05: Das ist ein ganz unverschämter Gauner ist das!

00:04:08: Er hat gewusst Ich will den Kredit haben.

00:04:10: Schließlich haben wir zuerst mit den Leuten unterhandelt.

00:04:13: Er sieht übrigens nicht gut aus.

00:04:15: Regierer hat dem Clerich gewohnt.

00:04:18: Ich möchte wissen wie der Mann das macht... Was wir noch gesehen

00:04:22: haben?!

00:04:22: Prinier, die Rewühne, die große Opa, Montmachta, Notre-Dame, den Louver... Nur das Wichtigste haben wir hier sehen.

00:04:30: Weiter ist ja dann auch nichts!

00:04:32: Ja und ein Abend bin ich allein ausgegangen.

00:04:35: Wissen Sie also?

00:04:36: Ich hatte doch erst den Dr.

00:04:38: Hauser aufgesucht der immer in der Weltbühne diese Berliner Sachen schreibt.

00:04:43: Jedes Mal wenn ich das lese sage zu meiner Frau Regierer wie er leibt und lebt Na, er war kolossal.

00:04:50: Er freut sich wohl immer wenn er Landsleute sieht!

00:04:53: Ja und den habe ich nach Adressen gefragt.

00:04:57: Sehe ich auch nicht ein?

00:04:58: Wozu bin ich auf die Weltbühne abonniert?

00:05:00: Er hat gesagt, er wüsst keine... Na, Regierer wusste aber welche und an der Börse habe ich mir auch welche sagen lassen.

00:05:08: Und eines Abends habe ich zu meiner Frau gesagt, mein liebes Kind du wirst müde sein, ruht dich aus!

00:05:15: Ich werde mal ein bisschen die Schaufenster ansehen gehen.

00:05:18: Da haben wir uns dann Autorchen nommen, Regiere und ich.

00:05:22: Allein war mir die Sache zu riskant.

00:05:24: Nur wissen Sie, vorm Haus standen schon andere Herrschaften.

00:05:28: nicht drängen mich so vorbei und auf einmal höre ich wie einer sagt,

00:05:31: Bosch!".

00:05:32: Na, ich muss ja nicht von allem haben und wollt schon vorbei.

00:05:35: Aber auf einmal höre ich die Leute sprechen Deutsch!

00:05:39: Da bin ich ran und hab dem Karl aber ordentlich meine Meinung gesagt.

00:05:43: Wissen sie den Deutschen auf der Reise?

00:05:47: ordentlich Bescheid gestoßen.

00:05:48: Es war so ein ganz kleiner, dem habe ich es aber gesagt.

00:05:52: Und drin war denn alles voller Spiegel und ne ganze Saal mit nacken Weibern.

00:05:58: Ganzer Saalfoll!

00:06:00: Na nicht rüber an natürlich... Ich hab die obligate Flasche Sekt bezahlt.

00:06:06: Die Mädchen haben auch ein bisschen getanzt.

00:06:08: Eine hat was vorgemacht eine sehr nette Person.

00:06:11: sich sprach auch ein bißje Deutsch.

00:06:12: Ich war eigentlich etwas enttäuscht Eleganter gedacht.

00:06:17: Überhaupt nur frage ich sie, wo ist in Paris die Eleganz?

00:06:22: Auf dem Boulevard sind ja manchmal ganz schicke Personen.

00:06:25: aber ich meine so was sieht man bei uns an der Premiere?

00:06:27: auch Ich werde ihm mal etwas sagen.

00:06:30: Es ist sehr viel Blöff dabei.

00:06:32: Verstehen Sie sehr viel blöff.

00:06:35: Das sag' ich Ihnen.

00:06:36: Na und am Dienstag sind wir dann nicht.

00:06:38: Meine Frau wollte noch bleiben Aber ich habe gesagt Mein liebes Kind Nu es genug Paris!

00:06:44: Mein Bedarf ist gedeckt Und ich will immer was sagen, Welch.

00:06:48: Herr Gott schmeißt doch die Asche nicht immer auf den Teppich!

00:06:51: Tun Sie das bei sich zu Hause auch?

00:06:53: Mir müht... Ich will immer etwas sagen.

00:06:56: Ich reise wisch gern, aber wissen Sie wenn man so lange weg war zur Erholung immer in den Halls und in den eleganten Casinos da unten an der Riviera jeden Abend im Smoking.

00:07:08: Wenn dann der Zug so nach der Passkontrolle über die Grenze fährt und ich sehe wieder den ersten Stationsbeamten dem Preußisch Blau und man hat wieder seine Ruhe und seine Ordnung nach alldem Trubel Paris hin Paris her können sie sagen was sie wollen am schönen Das ist doch zu Hause.

Über diesen Podcast

"Schnipsel" nannte Kurt Tucholsky (1890-1935) seine späten Aphorismen. Sein journalistisches, feuilletonistisches und lyrisches Gesamtwerk ist aber weit mehr als das: Ein hochintelligent-pointierter Kosmos seiner Zeit.

Der Sprach- und Sprechkünstler Frank Dittmer trägt in diesem Podcast seit 2019 wöchentlich einen neuen Text von Tucholsky vor: über Politik und Liebe, Kunst und Literatur, die Tragik und die Komik des Lebens.

Alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind vor hundert Jahren veröffentlicht worden - also zu Beginn der "Goldenen Zwanziger", von Tucho skeptisch-wohlwollend beäugt und schonungslos-satirisch beschrieben. Aktuell sind Texte aus dem Erscheinungsjahr 1926 zu hören.

Nach längerer Schaffenspause 1923 ließ sich Tucholsky Anfang 1924 wieder von Siegfried Jacobsohn für die "Weltbühne" unter Vertrag nehmen und zog im April des Jahres als deren Korrespondent nach Paris. Bis Ende 1926 blieb Frankreich sein Lebensmittelpunkt.

Übrigens: Der Name dieses Podcasts leitet sich von einem der fünf Pseudonyme Kurt Tucholskys ab: "Ignaz Wrobel".

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis aller hier bisher veröffentlichten Tucholsky-Texte mit Hyperlinks befindet sich hier: https://www.frank-dittmer.de/liest-tucholsky

von und mit Frank Dittmer

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